Barrierefrei Reisen Deutschland im ÖPNV – 22 Städte im Vergleich

Für Behinderte bzw. beim Reisen mit Rollstuhl stellen sich seit je her bei einem Städtetrip etliche Fragen: Sind niederflurige Fahrzeuge und ebenerdige Bord- und Bahnsteige vorhanden? Kann man Informations- und Kommunikationsmittel im städtischen Raum barrierefrei erreichen? Und besitzt die besuchte Stadt ausreichend Signal- und Leitsysteme, um die Wunschplätze zu erreichen? Mehr als 10% der Bevölkerung steht vor der Urlaubsplanung laut der Initiative „Tourismus für Alle Deutschland“ e.V. vor diesen Fragen.

Barrierefrei Reisen Deutschland

Da reibt man sich doch verwundert die Augen, dass sich die Bundesregierung erst im Mai 2002 mit diesem Thema beschäftigt hat. Das verabschiedete „Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“, wie es offiziell heißt, verfolgt laut §1 das Ziel, „die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung zu beseitigen und zu verhindern sowie ihre gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen“. Laut Gesetz soll bis zum Jahr 2022 eine vollständige Barrierefreiheit in ganz Deutschland erreicht sein. Unserer Umfrage unter den befragten Städten hielten es gerade einmal knapp 22% der Verantwortlichen für realistisch, diese gesetzlichen Vorgaben umzusetzen. Durchwachsene Vorraussetzungen zum Barrierefrei Reisen in Deutschland also.

barrierefreier tourismus
Bild: Andi Weiland

Nicht so Berlin. Auf Nachfrage hielten die Verantwortlichen für die Berliner Verkehrsbetriebe die Vorgabe für umsetzbar. Heute sind bereits 100% der Busse und U-Bahnen barrierefrei ausgestattet. Lediglich bei den Stationen besteht in der Hauptstadt noch Verbesserungsbedarf. Für ihre Bemühungen im Bereich der barrierefreien Stadtentwicklung erhielt Berlin 2013 den Access City Award. Dieser Award wird einmal jährlich von der Europäischen Kommission an Städte mit mindestens 50.000 Einwohnern verliehen. Aktueller Titelträger des Awards ist die britische Stadt Chester. In diesem Artikel haben wir uns mit dem Award beschäftigt und die Preisträger Interviewt.

Gleichberechtigtes Leben ermöglichen

Zwangsläufig stellt sich die Frage, warum wir uns heutzutage noch so intensiv mit der nicht zufriedenstellenden Situation behinderter Menschen im ÖPNV beschäftigen müssen. Es sollte sich doch eigentlich von selbst verstehen, dass die Infrastruktur entsprechend ausgerichtet sein muss. Die Antwort ist banal und ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft: Weil sich bis vor wenigen Jahren niemand der Probleme von Menschen mit Behinderungen annahm. Ihre Forderungen, am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilnehmen zu können, wurden lange Zeit nicht als gesellschaftlich relevant betrachtet.

barrierefrei Reisen Deutschland TreppenErst vor 14 Jahren ändert sich diese Sichtweise. Dies ist äußerst merkwürdig. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Tausende Kriegsversehrte aus zwei Weltkriegen fast ein jahrhundertlang die Straßen unserer Städte säumten. Ebenso lange wurden Geh-, Sehbehinderte und Hörgeschädigte vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben regelrecht ausgegrenzt.

Bis heute ist eine zufriedenstellende Barrierefreiheit in den meisten deutschen Städten immer noch nicht gegeben. Treppen und fehlende Fahrstühle, hohe Bordsteine und schwer zugängliche öffentliche Verkehrsmittel, nicht vorhandene adäquate Sitzgelegenheiten und fehlende Leitsysteme erschweren Kino- und Freibadbesuche, machen Museen und Einkaufscenter zu äußerst aufwendigen Zielen. Und mindestens genauso lange kämpfen Interessenverbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband oder „Tourismus für Alle Deutschland“ für die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Was ist Barrierefreiheit?

Neben der gesellschaftlichen und rechtlichen Anerkennung spielt vor allem die Barrierefreiheit im Alltag für Menschen mit Behinderungen eine wichtige Rolle. Zentral ist dabei ein barrierefreier Arbeitsplatz inkl. des Weges dorthin. Aber auch im Urlaub will man sich natürlich frei und eigenständig bewegen können. Der Begriff der Barrierefreiheit ist nicht unproblematisch. Viele Menschen denken dabei in erster Linie an Verkehrsmittel, öffentliche Einrichtungen und dergleichen die beim Reisen mit Rollstuhl genutzt werden können. Doch mit Barrierefrei ist nicht nur die angemessene Gestaltung der baulichen Umwelt gemeint, sondern auch die entsprechende Bereitstellung von Informations- und Kommunikationsmitteln.barrierefrei Reisen Deutschland Blindenleitsysteme

Das Prinzip der Barrierefreiheit schließt zudem Signal- und Leitsysteme für Sehbehinderte und Hörgeschädigte mit ein, und nimmt auf die Bedürfnisse älterer Menschen Rücksicht, die beispielsweise mit Hilfe von Rollatoren gehen müssen. Im Anbetracht der demografischen Entwicklung und den Prognosen, was die Altersstruktur für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten betrifft, sind entsprechende Maßnahmen unabwendbar. Darüber hinaus müssen sich auch Kinder und Mütter mit Kinderwagen barrierefrei bewegen können.

Barrierefrei Reisen mit dem öffentlichen Personennahverkehr

Eine der Hauptvoraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderungen ist die Barrierefreiheit im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Selbst der Gesetzgeber hat dies erkannt, und zum 1. Januar 2013 eine Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes in Kraft treten lassen. Laut dieser Gesetzesreform soll der gesamte ÖPNV in Deutschland bis zum Jahre 2022 vollständig barrierefrei sein.

Zwar hat das Verkehrsministerium 2011 sogar einen Anforderungskatalog für die Barrierefreiheit des ÖPNV herausgegeben, bei dessen Verabschiedung wurde aber auch gleich vorausgeschickt, dass die Länder unter bestimmten Voraussetzungen von einer Einschränkungsklausel Gebrauch machen können. Sollten die Länder stichhaltige „Ausnahmetatbestände“ hervorbringen können, die belegen, dass sie aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage sind, die Novellierung bis 2022 umzusetzen, würde man ihnen zugestehen, den Zeitpunkt der Umsetzung variabel zu gestalten.

Barrierefrei Reisen Deutschland OePNV

Vergleich Barrierefreiheit ÖPNV: Dementsprechend ist auch der Stand des Ausbaus der Stationen höchst unterschiedlich. Während Aachen bspw. verkündet das erst 5% der Bahnstationen komplett und 5% teilweise barrierefrei sind, kann Frankfurt bei den Stationen eine Barrierefreiheit von 91% aufweisen. Diese unterschiedlichen Umsetzungsstände sehen viele Städte auch nicht als Problem an. Schließlich hat der Gesetzgeber mit schwammigen Formulierungen ganz bewusst Handlungsspielräume offengelassen. Sollte beispielsweise eine bestimmte Haltestelle aufgrund ihrer Lage oder anderer handfester Einwände nicht barrierefrei ausgebaut werden können, wird die Haltestelle nicht geschlossen oder etwa abgerissen – es wird eine Ausnahmeregelung gefunden.

Auch spricht der Gesetzgeber davon, dass die Haltestellen bis zum Jahr 2022 barrierefrei sein „sollen“. Bei unserer Anfrage interpretierte die Stadt Köln, die bei den Busstationen nur auf 27% Barrierefreiheit kommt, dieses Wort recht frei. Der Gesetzgeber spräche laut Kölner Verkehrs-Betriebe beim Umbau der Fahrzeuge und Haltestellen des ÖPNV „von sollen barrierefrei sein, nicht nur von können aber auch nicht von müssen“. Diese definitorischen Feinheiten nimmt sich auch die Dortmunder Verantwortlichen zur Ausrede, warum sie aus logistischen und infrastrukturellen Gründen bis zum Jahr 20122 keine 100%ige Barrierefreiheit garantieren können.

Die meisten Länder und Städte müssen von den Einschränkungen Gebrauch machen. Die Forderung nach völliger Barrierefreiheit hört sich natürlich generell gut an und ist zweifelsfrei überfällig, bringt aber schwer lösbare Schwierigkeiten mit sich. Dabei scheitert die Umsetzung der Barrierefreiheit im seltensten Fall am Unwillen der Verantwortlichen, sondern wie so oft am lieben Geld oder an der Politik.

Barrierefrei Reisen Deutschland Grafik Vergleich

Kosten und Widerstand gegen Barrierefreie Städte

Der Hauptgrund für Verzögerungen liegt in der unsicheren Finanzierung. Je nach Zuständigkeit müssen die Verkehrsbetriebe und -Verbünde, die Deutsche Bahn, die Städte und/oder die Länder anteilig für die anfallenden Kosten für die Umsetzung der Barrierefreiheit aufkommen. In seltenen Fällen gewährt auch der Bund geringe Zuschüsse. Viele Köche also, um den Brei zu verderben.

Dabei sind die fahrzeugseitigen Kosten noch überschaubar. Die Verkehrsbetriebe rüsten entsprechend um beziehungsweise lassen die alten Fahrzeuge nach und nach auslaufen und bestücken den Fuhrpark mit neuen, niedrigflurigen und barrierefreien Fahrzeugen. So handelt es sich heute in den meisten deutschen Städten bei Bussen, U-Bahnen und Straßenbahnen zum überwiegenden Teil um barrierefreie Fahrzeuge. Oft liegen die Fahrzeugflotten deshalb bei 100% Barrierefreiheit, während die Stationen hinterherhinken.

Die Umgestaltung der Stationen ist um einiges aufwendig und kostenintensiv als die der Fahrzeuge. Bahnsteige und vor allem Bushaltestellen fallen in der Regel unter die Zuständigkeit von Stadt oder Land. Zudem haben aber in den meisten Fällen noch Dritte ein Mitspracherecht. Zum Beispiel hat eine Haltestelle immer Berührungspunkte, wie Straßen, Grundstücke, Gebäude, Privatgelände, etc., die Probleme verursachen und die Kosten in die Höhe treiben. So kann eine barrierefreie Haltestelle oder der Umbau in eine solche, mal 200.000 Euro, im Falle der U-Bahnstation „Friesenplatz“ in Köln aber auch einige Millionen kosten. Aus diesen Gründen liegt die Anzahl der barrierefreien Haltestellen in Deutschlands Städten nur im Ausnahmefall über 50 Prozent. Die Diskrepanz der Umsetzung der Barrierefreiheit im fahrzeugseitigen und bautechnischen Bereich wird ebenfalls anhand der Umfrage ersichtlich.

Politische Widerstände

barrierefreiReisenDeutschlandRheinBahnNiemand hat ja ernsthaft Einwände gegen die Umgestaltung in einen barrierefreien öffentlichen Nahverkehr, möchte man meinen. Aber der Umbau einer Haltestelle, und das betrifft vor allem die U-Bahnhöfe, tangiert immer mehrere Bereiche. Hin und wieder steht so der Gartenzaun eines unwilligen Anwohners, der seltene Baum oder das denkmalgeschützte Gebäude eines Heimathistorikers im Wege, wenn es darum geht, eine Bushaltestelle barrierefrei umzubauen. Vor allem die Parkplatzlobby zeigt sich aber vielerorts als Gegenspieler der Barrierefreiheit. Daran kann dann oft auch der Lokalpolitiker nichts ändern, erst recht nicht, wenn seine Kommune sowieso notorisch klamm ist und der Meinung, das Geld lieber für „wichtigere Dinge“ ausgeben zu wollen.

„Es gibt parteiübergreifend zahlreiche Befürworter der Barrierefreiheit“, erzählt bspw. Georg Schumacher von der RheinBahn in Düsseldorf und Mettmann. Auch wenn er bei liberalen und konservativen Parteien aufgrund des Wegfalls von Parkplätzen den größten Gegenwind spürt, „gibt es auch in der SPD eine Parkplatzlobby. Ich sehe das Ganze eher als Generationsproblem. Junge Menschen verstehen die Probleme in der Regel. Ältere Menschen bewerten das Autofahren meist höher.“

Unterschiedliche Behinderungen – Unterschiedliche Interessen

Manchmal kommt es sogar zu der durchaus paradoxen Situation, dass sich die unterschiedlichen Umbaumaßnahmen zur Barrierefreiheit oder Interessengruppen gegenseitig im Weg stehen können. Ein Rollstuhl- oder Rollatorfahrer hat natürlich keine Freude an Fahrbahnrillen, die als Leitlinien für sehbehinderte Menschen dienen. Die erhöhte Anzahl an Mehrzweckflächen in Fahrzeugen steht im Widerspruch zu benötigten Sitzplätzen, gerade unter Berücksichtigung unserer immer älter werdenden Gesellschaft. Es wird deutlich, dass einige Bereiche und Möglichkeiten der Barrierefreiheit noch nicht festgelegt und ausgereift sind, was die Umsetzungen erschwert.

FazitBarrierefreiReisenDeutschlandParkplatzRedaktionell

Die Umsetzung der Barrierefreiheit im ÖPNV ist kein normatives Problem. Dass Menschen mit Behinderungen gleichermaßen am öffentlichen Leben teilnehmen sollen, ist gesamtgesellschaftlicher Konsens. Und wenn es nach dem Willen der Verantwortlichen von Verkehrsbetrieben und Stadtverwaltungen geht, wird die Barrierefreiheit lieber heute als morgen umgesetzt. Nicht ideelle Hindernisse stehen dem im Wege, sondern die flächendeckende, prekäre finanzielle Situation von Städten, Kommunen und Ländern. Vereinzelt verhindern auch politische Interessen und private Befindlichkeiten die Realisierung. Deshalb wird die vollständige Barrierefreiheit in kaum einer deutschen Stadt bis 2022 verwirklicht sein, und noch einige Jahre oder sogar Jahrzehnte ein Wunschtraum bleiben, letztlich zulasten von Menschen mit Behinderungen.

In unserer Umfrage „Vergleich Barrierefreiheit ÖPNV“ haben wir uns zur Orientierung von Menschen mit Behinderungen darum gekümmert, wie weit die größten deutschen Städte mit der Umsetzung des Gesetztes sind. Darüber hinaus können sich Betroffene bei Institutionen und Firmen wie der Bundesregierung und der Deutschen Bahn direkt über Maßnahmen und Gegebenheiten im Bereich barrierefreies Reisen informieren. Auch verschiedene Interessengruppen bieten ausführliche Informationen rund ums Thema Reisen für Menschen mit Behinderung an.

Hier einige Beispieladressen:


Barrierefrei Reisen Deutschland – Auswertung

BarrierefreiReisenDeutschlandTramFür unsere Umfrage „Vergleich Barrierefreiheit ÖPNV“ unter den deutschen Städten haben wir 45 Städte bzw. lokale Verkehrsbetriebe ausgewählt. Das sind die 40 größten Städte Deutschlands, plus 5 kleinere touristische deutsche Städte wie bspw. Weimar und Trier. Diejenigen, die auf unsere Anfrage geantwortet haben, waren äußerst freundlich und auskunftsbereit. Leider erhielten wir von 19 kontaktierten Verkehrsbetrieben trotz wiederholter Anfragen gar keine Rückmeldung. Einige Verkehrsverbunde, wie im Falle des VVB Bremen/Niedersachsen, gaben derart inhaltslose Antworten (wie „keine konkreten Zahlen“, „unterschiedlich“, „lässt sich nicht beziffern“ oder „Zahlen liegt uns nicht vor“), dass sie nicht in die Untersuchung mit einbezogen werden konnten.

Die Verantwortlichen in Heidelberg und Mannheim wollten unverständlicherweise keine Auskünfte erteilen, vielleicht haben sie kein Interesse am Thema Barrierefreiheit oder aber derartige Schwierigkeiten bei der Umsetzung, dass sie es vorziehen, sich nicht dahin gehend zu äußern. Ähnliches gilt leider auch für München und Essen, die wir als Großstädte sehr gerne in unsere Umfrage aufgenommen hätten. Beide Städte respektive deren Verkehrsbetriebe reagierten selbst auf mehrmalig versuchte, schriftliche und telefonische Kontaktaufnahmen nicht. So blieben letztendlich 22 Städte für unsere Umfrage übrig.

Das Umfrageergebnis

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass die Vergleichbarkeit zum Barrierefrei Reisen in Deutschland unter den Städten äußerst schwierig ist. Schließlich besitzen die verschiedenen Städte jeweils unterschiedlich Bus- und Bahn-Systeme. Während Berlin bspw. über Busse wie S-, U- und TRAM-Bahnen verfügt, fahren in Erfurt nur Busse und Straßenbahnen. Wuppertal verfügt ja bekanntlich zudem über eine Schwebebahn. Eine Bewertung, welche dieser Fahrzeuge wichtiger ist, wollten wir nicht übernehmen. Deswegen beziehen sich die Angaben jeweils auf die Fahrzeuge und die Stationen in den Kategorien U-Bahn, Busse und Stadtbahnen (je nach Vorkommen TRAM, S-Bahn oder Schwebebahn). Im Fall von Berlin wurde die S-Bahn weggelassen, da die Deutsche Bahn dazu keine Angabe geben wollte.

Es wurden also bis zu sechs Werte pro Stadt abgefragt. Interessanterweise konnte uns lediglich die Stadtverwaltung bzw. der Verkehrsbetrieb von Frankfurt alle sechs Zahlen nennen. Zu viele verschiedene Verantwortliche (Firmen, Stadt, Bundesland und Bund) für die verschiedenen Bereiche war meist der Grund für die fehlenden Angaben. Mit fünf Angaben ist Berlin noch auf zweiter Positition – lediglich eine Angabe erhielten wir von Lübeck und Aachen. Am besten konnten Stadtverwaltungen und Verkehrsverbünde die Frage nach den Fahrzeugen beantworten. Bei den Stationen sind die Angaben höchst unvollständig. Nur 24 von 66 abgefragten Daten konnten in die Grafik einfließen. Dies könnte auch mit dem Fortschritt in den verschiedenen Bereichen zusammenhängen. Eine positive Angabe nennt man nun einmal lieber, als eine negative.

BarrierefreiReisenDeutschlandBusDie abgefragten Werte sind in Prozentzahl angegeben. Sie charakterisieren den Stand der Entwicklung, bzw. stehen dafür, wie viele Fahrzeuge oder Stationen bereits behindertengerecht ausgebaut oder angepasst sind. Wir haben den Stand der Entwicklung zudem in drei Kategorien eingeteilt. Eine Abdeckung von 90% – 100% haben wir als „vorbildlich“ bezeichnet, alles zwischen 90% und 50% bekommt den Hinweis „verbesserungswürdig“ während Bereiche, in denen die Barrierefreiheit einen Wert von unter 50% aufweist als „kritisch“ bezeichnet werden. Der „kritische“ Wert wurde 11 Mal erreicht, während 18 Mal die Wertung „verbesserungswürdig“ verteilt wurde. 37 Mal konnte die Bewertung „vorbildlich“ vergeben werden.

Beim Blick auf die einzelnen Posten im Vergleich Barrierefreiheit ÖPNV schneiden die Busse am besten ab. Von 22 Angaben konnten 17 in die Grafik einfließen. Von diesen 17 wiesen 14 die Bewertung „vorbildlich“ auf. Am schlechtesten Schnitten übrigens die Busstationen ab. Hier konnte bei lediglich 8 Angaben keine die Note „vorbildlich“ erreichen. Übriges: Wuppertal erhielt als einzige Stadt 3 Mal die Top-Wertung von 100% (bei der Schwebebahn, den Bussen und den Stadtbahn-Haltestellen), Stuttgart liegt mit zwei Mal 100% und ein Mal 99% auf Platz 2.

Problem Finanzen

Auch nach der Finanzierung der Fahrzeuge und Stationen haben wir die Verantwortlichen gefragt. Aufgrund der differenzierten Finanzierung von barrierefreiem Ausbau ließen sich diese Angaben überhaupt nicht vergleichen. Im Großen und Ganzen lässt sich aber sagen, dass die Verkehrsbetriebe und -Verbünde, Deutsche Bahn sowie die Städte über die Jahre zusammengekommen im Schnitt Ausgaben im mittleren zweistelligen Millionenbereich für die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit getätigt haben. Die Schleswig-Holsteinische Landeshauptstadt Kiel geht bspw. von Gesamtkosten in Höhe von 16 Millionen Euro aus. Städte wie Mainz und Potsdam rechnen hingegen mit rund 30 Millionen für den Ausbau und in Chemnitz erwarten die Verantwortlichen gar Ausgaben von bis zu 50 Millionen Euro.

Dabei sind der Austausch und die Umrüstung der Fahrzeuge in barrierefreie Transportmittel das geringere Problem. Die Verkehrsbetriebe stehen in der Regel finanziell besser da als die Städte und Gemeinden. Ein Bus ist schnell ausgetauscht beziehungsweise lässt man die alten Fahrzeuge auslaufen und ersetzt sie peu à peu. Abgesehen davon, dass die Kommunen generell kein Geld haben, und so ihren Teil der baulichen Umsetzung nur schwerlich erfüllen können, kommen zusätzlich politische und persönliche Interessen hinzu. So erklärt sich auch, dass von den 22 getesteten Städten stationsseitig 7 Städte die Bewertung „kritisch“ erhielten, fahrzeugseitig war dies allerdings nur bei den Krefelder Straßenbahnen der Fall (25% Barrierefreiheit).

Problem Interessensgruppen

Probleme gibt es laut unserer Umfrage häufig durch das Aufeinanderprallen von verschiedenen Interessengruppen. Dies verzögert häufig den Ausbau. Einige der Verantwortlichen beschwerten sich darüber. Die komplexe Finanzierung gaben die meisten als Gründe an, warum sie die Umsetzung des Ausbaus zur völligen Barrierefreiheit bis zum Jahre 2022 für unrealistisch halten. Dies waren immerhin 78% der Befragten. Grundsätzlich scheinen in den Großstädten die besten infrastrukturellen und finanziellen Voraussetzungen für den barrierefreien Umbau der Bahnen gegeben zu sein. In den Großstädten Berlin, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart hält man den Ausbau der völligen Barrierefreiheit bis 2022 für durchaus realistisch.

Bei all den Zahlen und Fakten darf nicht unerwähnt bleiben, dass die nötigen Prozesse wegen des erst Anfang der 2000er Jahre einsetzendem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderung, viel zu spät eingeleitet wurden. Die Versäumnisse sind also mehrheitlich älteren Ursprungs, und die aktuell Verantwortlichen müssen nun versuchen, die Situation so gut es geht, in den Griff zu bekommen.

Hier geht es zur Grafik – Barrierefrei Reisen Deutschland


Vergleich Barrierefreiheit ÖPNV – Tabelle

Die besten Städte:

  1. Wuppertal (3 x 100% Bewertungen)
  2. Stuttgart (2 x 200%, 1 Mal 99%)
  3. Kassel (2 x 200%, 1 Mal 97%)
  4. Frankfurt am Main (2 x 200%, 1 Mal 91%)
  5. Berlin (2 x 200%, 1 Mal 74%)

Tabelle – Barrierefreie Städte (Daten: Stand Dezember 2016)

Städte U-Bahnen U-Bahn Stationen  Busse Busstationen  Stadtbahn (Tram) oder S-Bahn Stadtbahn oder S-Bahn Haltestellen
Berlin 100% 65% 100% 74% (Tram) 65%
Hamburg 60% 100%  –  – 80%
Köln 100% 27% 90%
Frankfurt a.M. 85% 91% 100% 49% 100% 50%
Stuttgart 100% 30% 100% 99%
Düsseldorf 100% 49%
Dortmund 100% 61%
Duisburg 60% 60%  –  –
Bochum 100% 0% 90%
Wuppertal 100% 100% (Schwebebahn) 100%
Bielefeld 100% 50% 80%
Gelsenkirchen 100% 0% 90%
Chemnitz 70% 100% 65%
Aachen 5%
Kiel 100% 35-40%
Krefeld 100%  85%  25%
Freiburg 100% 91%
Lübeck 100%
Mainz 100% 90% 21%
Erfurt 90%  44%  96% 92%
Kassel 100% 50% 100% 97%
Potsdam 100% 50% 85% 95%

Titelbild: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de