Deutschland gilt als solidarisches Land mit stetiger Bemühung, dieselben Lebensstandards für jeden einzelnen Bürger zu ermöglichen. Das Gesundheitssystem basiert beispielsweise auf dem Solidaritätsprinzip. Die medizinische Versorgung ist somit für die Einwohner Deutschlands weitestgehend gesichert, doch auch in anderen Bereichen ist Fortschritt dringend notwendig. Viele Menschen mit Behinderung haben ihr privates Umfeld bereits eingerichtet oder sich den Umständen angepasst. Selbige Bedingungen müssen ebenfalls außerhalb der eigenen vier Wände gewährleistet sein. An vielen Stellen sind noch immer große Defizite im Bereich Barrierefreier Tourismus bemerkbar, beispielsweise bei den Zugängen für Rollstuhlfahrer zu Gebäuden oder öffentlichen Verkehrsmitteln (ÖPNV). Doch Bemühungen um Barrierefreiheit sind zu bemerken und dies muss wertgeschätzt und unterstützt werden!

Barrierefreier Tourismus in Deutschland – Unser ÖPNV-Vergleich

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Wir haben uns mit dem barrierefreien ÖPNV in Deutschland beschäftigt. Wie Berlin, Hamburg und Wuppertal abschneiden, lest ihr hier.

Dieses Jahr wird zum 6. Mal in Folge ein Tag der ITB (Internationale Tourismusbörse) in Berlin dem barrierefreiem Tourismus gewidmet. Am 10. März 2017 wird dieser in der Zeit von 10.30 – 16 Uhr im Bereich A5, Level 1, CityCube Berlin stattfinden, die Veranstaltung ist kostenlos und heißt alle Interessenten willkommen. Auch ohne Messe-Ticket! Im Vordergrund steht die „Produktgestaltung und zielgruppengerechte Kommunikation“.

BarrierefreierTourismusAccessCityAwardDoch auch in der Europäischen Kommission sind Änderungen zu verzeichnen. Diese zählt mehr als 80 Millionen Einwohnern mit einer Art von Behinderung, welche sie in ihrem täglichen Leben beeinflusst. Aus diesem Grund verleiht sie seit dem Jahr 2010 den „Access City Award“ um Städte zu motivieren den Erfahrungstausch anzuregen sowie sich zugunsten des blockadefreien Lebens ihrer Einwohner einzusetzen. Bewerben kann sich jede Stadt mit über 50.000 gemeldeten Bürgern. Ausschlaggebend für den Gewinn sind Originalität und Effektivität der Projekte. Auch Deutschland hat sich in den Wettbewerb gestürzt und bereits im dritten Jahr der Verleihungen ging der 1. Platz des Access City Awards an unsere Hauptstadt Berlin. Verliehen wurde der Award Ende 2012.

Doch was führte die kunterbunte 3,5-Millionen-Stadt zu dieser Ehre?

  1. Mobidat.net – Sei selbstständig!  Besonders hervorgehoben wurde die seit über 20 Jahren aktive Internetseite mobidat.net, mit kostenlosen Informationen über Freizeit-, Kultur-, Gesundheits-, Reise- und Lifestyleangeboten. Ziel der Seite ist, beeinträchtigte Bewohner und Besucher der Stadt bei täglichen Herausforderungen zu unterstützen und sie zu ermutigen, Entdeckungstouren auch mal auf eigener Faust zu unternehmen. Als weitere Besonderheit des Projekts werden regelmäßig Jobpositionen an Personen mit Behinderung vergeben. Hier geht es zur Site.
  2. Runder Tisch „Barrierefreie Stadt“ – Als der heutige Bürgermeister Berlins Michael Müller noch Senator für Stadtentwicklung und Umwelt war, wurde im Jahr 2010 ein Runder Tisch zum Thema „Barrierefreie Stadt“ gegründet, welcher vier Mal im Jahr zusammentraf. Zweck des Zusammentreffens war der Austausch und die Einigung auf Prioritäten zwischen Regierung, Wirtschaft sowie Organisationen, die Menschen mit Behinderung vertreten. Für das Jahr 2013 lag der Fokus auf den Tourismus der Stadt und die Entwicklung der Qualitätssicherung.

Was bedeutet der Access City Award? Ein Interview mit visitBerlin

Wir freuen uns sehr, dass Berlin dieses Zeichen der Anerkennung erhalten hat, und blicken nun, etwas über 4 Jahre nach der Verleihung, auf die anschließenden Entwicklungen. Besonders interessant ist für uns von Tripdoo natürlich der barrierefreie Tourismus. Herr Buchholz von visitBerlin ist seit 2011 in der Politik tätig und war freundlicherweise zu einem Interview bereit. Er erzählte von der Bedeutung der Awards und dem aktuellen Stand der Situation aus erster Hand.

Barrierefreier Tourismus Interview Gerhard Buchholz
Gerhard Buchholz (visitBerlin)

Herr Buchholz, können Sie erläutern, was der Award für die Stadt Berlin bedeutet?

Berlin ist ein beliebtes Reiseziel. Besucher sind bereits an gewisse Standards gewohnt und wünschen sich diese ebenfalls in Berlin vorzufinden. Diese Gewährleistung ist eine Aufgabe der Stadt. Der Award war ein neuer Ansporn, eine neue Motivation sich auch zukünftig weiter zu bemühen. Wir haben ihn dem ehemaligen Bürgermeister Klaus Wowereit als Zeichen für den Fortschritt in die Hand gedrückt. Seitdem wurde der Bereich Barrierefreiheit staatlich großzügiger unterstützt. 

Welche weiteren Veränderungen sind durch die Verleihung in der Stadt zu verzeichnen?

Der Award hat einen neuen Denkanstoß gegeben, aber das Thema muss langsam bei den Akteuren einsickern. Veranstalter, Hotels, Restaurants und viele weitere Beteiligte realisieren die Notwendigkeit von Barrierefreiheit nach und nach. 

Sie sagten, dass der Bereich Barrierefreiheit seit der Verleihung großzügiger unterstützt wird. Inwiefern findet dies statt?

Ich hatte schon vor einigen Jahren die Idee zur Entwicklung einer App, die deutschlandweit in erster Linie Rollstuhlfahrern dient z.B. Routen für Bus und Bahn herauszufinden. Weitere Informationen über defekte Aufzüge an Bahnstationen, wo der barrierefreie Eingang von Museen zu finden ist, welche Freizeitparks oder Bootanlagen gut zugänglich sind, aber auch die Standorte von öffentlichen Toiletten innerhalb der Stadt sollen dort zur Verfügung stehen. Es fehlte jedoch an Investoren. Mit der Ausschüttung der City Tax Geldern im vergangenen Jahr 2016 kam die Idee, etwas in Richtung Smart City zu machen. Mit diesen Geldern konnte die Entwicklung der App finanziert werden. Zu vergessen ist allerdings nicht, dass so ein Projekt mittelfristig finanziert werden muss. (Anm. d. Redaktion: Die App wird noch im März 2017 im App Store für IOS und Android erhältich sein, genauere Informationen werden bei visitBerlin.de zu finden sein.)

Was bedeutet die App für die Zukunft?

Früher mussten Menschen in den verschiedenen Einrichtungen anrufen, um sich Informationen über die Barrierefreiheit der jeweiligen Einrichtung zu beschaffen. Die App soll dies nun erleichtern. Weiterhin gilt sie allgemein unter dem Motto „Reisen für alle“, weil es tatsächlich alle betrifft. Auch Personen mit Kinderwagen oder Koffern können Nutzen ziehen. Die verschiedenen Einrichtung in den Städten erhalten ebenfalls die Möglichkeit einer Prüfung. Die Daten werden zunächst sehr aufwendig vom Deutschen Seminar für Tourismus geprüft und im besten Fall erhalten die angemeldeten z. B. Hotels oder Museen Lizenzen, die sie als barrierefrei auszeichnen. Diese Prüfung ist kostenpflichtig und freiwillig aber ein gutes Marketinginstrument.

Welche weiteren Entwicklungen gab es nach dem Erhalt des Awards?

Es folgten weitere Anpassungen im Nahverkehr. Ein persönliches Ziel ist es, den gesamten S-Bahnring der Innenstadt zu erschließen. Berlin ist sehr fortschrittlich. Fachbesucher bereisen Europa und prüfen verschiedene Destinationen. Berlin wird der Fortschritt bescheinigt. Die BVG bemüht sich besonders und wird bis 2022 alle U-Bahnhöfe mit Aufzügen ausgestattet haben. 

Der ÖPNV soll deutschlandweit bis 2022 vollständig barrierefrei sein, halten Sie dies für realistisch?

Nein, das ist ein utopisches Ziel.

Findet Austausch zwischen den Bundesländern zum Thema Barrierefreiheit statt? 

Ja, in jedem Bundesland gibt es Beauftragte. Wir treffen uns regelmäßig zum Informationsaustausch. Die Fortschritte sind in jedem Bundesland unterschiedlich, was auch darauf zurückzuführen ist, dass einige Länder schon länger aktiv an den Veränderungen arbeiten. Brandenburg beispielsweise arbeitet schon seit über 10 Jahren intensiv mit dem Thema und ist sehr weit. Auch Thüringen und Rheinland-Pfalz liegen weit vorne. Niedersachsen ist eher im mittleren Bereich. Hessen kam etwas später dazu, so auch Hamburg. Doch von Hamburg wurde ich so nach Infos durchgebohrt, dass sie Berlin mittlerweile fast überholt haben. (Anm. d. Redaktion: So weit ist Hamburg noch nicht. In unserem Städte-Ranking liegt Berlin noch vor der Hansestadt.)

Bedeutend für die Verleihung des Access City Awards war der Runde Tisch zum Thema „Barrierefreie Stadt“, was ist aus dieser Runde geworden?

Leider ist der Runde Tisch mit den Jahren eingeschlafen. Es ist wichtig, dass er wieder aufersteht, um gemeinsam an neuen Projekten zu arbeiten. Dabei geht es um gesellschaftliche Prozesse. Themen wie beispielsweise Barrierefreiheit bei der Ausflugsschifffahrt, bei Taxifahrten oder Weihnachtsmärkten werden behandelt. 

Gibt es weitere Ziele an denen gearbeitet wird?

Generelle Barrierefreiheit, auch im Netz. Die Internetseite von visitBerlin soll beispielsweise auch für Sehbehinderte zugänglich gemacht werden. Der Tag des barrierefreien Tourismus am 10. März wird dieses Themengebiet behandelt. Die App wird dort ebenfalls vorgestellt.

Vielen Dank, Herr Buchholz.

Titelbild: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Quellen: Europäische Kommission

stadtentwiclkung.berlin.de